Lesezeit

16 Min.

16 Min.

Tim Krumpholz-Nielitz

Teamentwicklung im Kita-Team: wenn aus 13 Einzelnen wieder ein Wir wird

Teamentwicklung im Kita-Team: wenn aus 13 Einzelnen wieder ein Wir wird

Teamentwicklung im Kita-Team: wenn aus 13 Einzelnen wieder ein Wir wird

Letzte Aktualisierung

Autor

Tim Krumpholz-Nielitz

Beschreibung

Beschreibung

Beschreibung

Beschreibung

Wenn ein Team wächst, schrumpft oder sich neu sortiert, geraten oft genau die Dinge aus dem Blick, die im Alltag am meisten zählen: Wer gehört dazu? Wer ist wofür zuständig? Und worauf können wir uns wirklich verlassen? Ein zweitägiger Teamentwicklungsworkshop schafft dafür einen geschützten Raum. Mit Methoden aus Gruppendynamik und Psychodrama zeigt er mehr, als jedes Teammeeting es könnte. In diesem Artikel nehme ich dich mit durch ein konkretes Konzept: von der Ausgangslage über die Hypothesen bis zum minutiösen Ablauf beider Tage.


„Ein Team ist nicht die Summe seiner Mitglieder, sondern die Qualität ihrer Verbindung.“

Tim Krumpholz-Nielitz

ein foto von einer gruppe von menschen, die im kreis stehen, darunter steht "team workshop"

Teamentwicklung im Kita-Team: wenn aus 13 Einzelnen wieder ein Wir wird

Teamentwicklung im Kita-Team: wenn aus 13 Einzelnen wieder ein Wir wird

Teamentwicklung im Kita-Team: wenn aus 13 Einzelnen wieder ein Wir wird

Teamentwicklung im Kita-Team: wenn aus 13 Einzelnen wieder ein Wir wird

Wenn ein Team leiser wird, statt lauter

Stell dir eine städtische Kita mit 13 Mitarbeitenden vor. Vollzeitkräfte und Teilzeitkräfte tragen hier gemeinsam den Alltag von Kindern und Eltern. Seit über einem Jahr teilt sich dieses Team wegen einer Bausanierung Räume und Außengelände mit einer zweiten Einrichtung. Das allein sorgt immer wieder für Spannungen, vor allem rund um die Nutzung von Räumen und Büros. Hinzu kommt: Innerhalb der letzten neun Monate kam es zu hoher Fluktuation. Vier der dreizehn Mitarbeitenden sind neu im Team.

Was auf den ersten Blick wie zwei getrennte Themen wirkt, hängt in Wirklichkeit eng zusammen: räumliche Enge und Personalwechsel. Rollen, Zuständigkeiten und die ungeschriebenen Regeln des Teams müssen ständig neu ausgehandelt werden. Für neue Kolleg:innen sind informelle „Teamgepflogenheiten“ nicht sofort erkennbar; sie merken nur, dass es sie gibt, ohne genau zu wissen, welche. Gleichzeitig bleibt der äußere Druck unverändert hoch: Trägervorgaben, Elternanforderungen, ein enger Personalschlüssel.

Solche Situationen zeigen sich selten laut. Sie zeigen sich eher leise: in Schweigen während der Teamsitzung, in Rückzug im Alltag oder darin, dass sich kleine, informelle Untergruppen bilden. In einem ersten Kennenlern-Gespräch mit dem Team fällt mir auf, dass einige der neueren Mitarbeitenden sehr zurückhaltend bleiben, während langjährige Kolleginnen das Gespräch eher dominieren. Zwei der neuen Kolleginnen benennen offen, dass sie „noch nicht so richtig wissen, wie hier die Dinge laufen“. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Zugehörigkeit hier kein Selbstläufer ist.

Genau hier kann ein Teamentwicklungsworkshop ansetzen. Es geht nicht darum, Schuld zu verteilen oder Verhalten zu bewerten, sondern darum, sichtbar zu machen, was unter der Oberfläche längst da ist, und dem Team Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen es diese Themen selbst weiterbearbeiten kann.

Bevor es losgeht: Auftrag, Rahmen und Vertrauen

Ein Teamentwicklungsworkshop beginnt nicht am Workshoptag selbst, sondern Wochen vorher, mit einer sorgfältigen Klärung von Auftrag, Rahmen und Vertraulichkeit. Diese Vorarbeit entscheidet oft darüber, ob der Workshop später trägt oder nur an der Oberfläche bleibt.

Die Auftragsklärung: zwei Perspektiven, ein Bild

Vor dem Workshop führe ich ein Gespräch mit der Kita-Leitung und ihrer Stellvertretung. Hier wird besonders eine Sorge deutlich: „Das Team ist müde“ und nimmt Veränderungen nur noch zögerlich auf. Im Anschluss lerne ich das Team selbst kennen und gleiche die Themen der Leitung mit den Anliegen der Mitarbeitenden ab. Diese doppelte Perspektive ist kein Zufall, sondern Methode: Wird der Auftrag nur mit der Leitung geklärt, drohen Erwartungen zu entstehen, die das Team so nie geteilt hat. Im schlimmsten Fall können diese Erwartungen sogar widersprüchlich sein. Deshalb werden sowohl die Auftraggeberseite als auch das Team als Adressat in einen gemeinsamen Kontrakt eingebunden.

Auf Grundlage dieser Gespräche einigen wir uns auf fünf Schwerpunkte für den Workshop: die Stärkung des Wir-Gefühls, eine bessere Kommunikationskultur und Besprechungskultur, die Klärung von Rollen und Aufgaben, die Entwicklung gemeinsamer, alltagstauglicher Teamregeln sowie das Sichtbarmachen und Nutzen vorhandener Ressourcen.

Rahmenbedingungen, Leitungsrolle und Entscheidungsspielräume

Genauso wichtig wie das Thema ist die Klärung, was im Workshop entschieden werden kann und was nicht. Die Kita-Leitung nimmt teil, um den Prozess zu unterstützen und die Anschlussfähigkeit an den Alltag zu sichern. Gleichzeitig werden bewusst Phasen vereinbart, in denen das Team ohne Leitung arbeitet, damit Mitarbeitende Themen offen ansprechen können, ohne dass eine unmittelbare Hierarchiewirkung im Raum steht.

Der Entscheidungsspielraum des Workshops wird vorab transparent gemacht: Er dient der gemeinsamen Diagnose, der Rollenklärung und Erwartungsklärung sowie der Erarbeitung alltagstauglicher Teamregeln und Umsetzungsschritte. Themen, die Trägervorgaben oder Rahmenvorgaben betreffen, etwa bauliche Fragen oder strukturelle Ressourcen, können im Workshop gesammelt und als Vorschlag formuliert werden. Abschließend entschieden werden sie damit jedoch nicht. So bleibt klar, wofür das Team selbst Verantwortung trägt und was an die Leitung beziehungsweise den Träger zurückgegeben wird. Das stärkt nicht nur die Übersichtlichkeit, sondern auch die Selbststeuerung des Teams.

Vertraulichkeit und Datenschutz

Ein Workshop wie dieser arbeitet mit persönlichen Erfahrungen, Teambeziehungen und oft auch unausgesprochenen Erwartungen. Deshalb wird zu Beginn ein sicherer Umgang mit Informationen vereinbart: Inhalte aus dem Workshop werden nicht nach außen getragen und nicht personenbezogen weiterberichtet. Dokumentiert werden ausschließlich Ergebnisse auf Gruppenebene, etwa vereinbarte Teamregeln, Maßnahmen oder Zuständigkeiten. Individuelle Aussagen, sensible Beispiele oder Zuschreibungen einzelner Personen werden nie dokumentiert.

Vier Hypothesen, die den Workshop leiten

Bevor der Workshop beginnt, bilde ich auf Basis der Vorgespräche vorläufige Hypothesen. Sie dienen nicht dazu, dem Team etwas zu unterstellen, sondern dazu, den Workshop zu fokussieren. Im Workshop selbst werden sie dann, etwa mit Hilfe von Soziometrie und gemeinsamer Reflexion, überprüft und bei Bedarf korrigiert.

Zugehörigkeit und Verbundenheit

Aufgrund der hohen Fluktuation und weil manche Teammitglieder in Teilzeit oder als „Springerinnen“ arbeiten, könnte es sein, dass sich nicht alle als vollwertigen Teil des Teams erleben. Das kann sich zum Beispiel in Schweigen während Teammeetings, in Rückzug im Alltag oder im Entstehen informeller Untergruppen zeigen. Bildlich lässt sich das mit einem Eisberg vergleichen: Über der Wasseroberfläche sehen wir Aufgaben, Abläufe und Zuständigkeiten, also sichtbares Verhalten. Darunter, unsichtbar, liegen Zugehörigkeit, Vertrauen und das Gefühl, gesehen zu werden. Verändert sich der Kontext oder die Zusammensetzung eines Teams stark, gerät genau diese unsichtbare Ebene ins Wanken, oft ohne dass es im Alltag direkt angesprochen wird. Deshalb arbeite ich gezielt mit Soziometrie: Sie kann stillere Teammitglieder nonverbal sichtbar machen und Zugehörigkeit buchstäblich „in den Raum stellen“.

Rollen und Aufgaben

Rollenerwartungen sind in diesem Team teilweise unklar oder widersprüchlich. Es existieren implizite Erwartungen, etwa „eigentlich sollte…“ oder „ich erwarte von…, dass…“, die selten direkt angesprochen werden. In den Vorgesprächen zeigt sich das daran, dass unterschiedliche Personen sich für dieselbe Entscheidung zuständig fühlen. Solche unklaren Rollenerwartungen gelten als typische Quelle für Konflikte und Überlastung, weil sie die alltägliche Zusammenarbeit erschweren. Nicht, weil jemand etwas falsch macht, sondern weil schlicht nie geklärt wurde, wer was übernimmt.

Normen und Kommunikationskultur

Im Team haben sich informelle Normen entwickelt: Manche Themen dürfen angesprochen werden, andere sind eher tabu, ganz nach dem Motto „das haben wir schon immer so gemacht“. Solche Normen, Status und Rollen gehören zu den zentralen Strukturen sozialer Dynamiken in Gruppen, weil sie Orientierung geben und Verhalten steuern. Im Kita-Alltag zeigt sich das darin, dass bestimmte Routinen kaum noch hinterfragt werden, während andere Themen immer wieder aufkommen, ohne je entschieden zu werden. Damit solche unausgesprochenen Normen überprüft und bei Bedarf angepasst werden können, müssen sie zunächst in Worte gefasst und als gemeinsame Regel vereinbart werden.

Kontextdruck und Selbststeuerung

Äußere Anforderungen, etwa Träger, Eltern, Personalmangel oder geteilte Räumlichkeiten, erzeugen Druck, der teilweise unstrukturiert im Team abgeladen wird. Dabei lässt sich zwischen spontaner Selbstorganisation und bewusster Selbststeuerung unterscheiden: Im beschriebenen Team wird viel spontan geregelt, gleichzeitig erleben sich einige Mitarbeitende als stark von äußeren Vorgaben fremdgesteuert. Dieses Zusammenspiel von individueller Dynamik, sozialen Dynamiken und Kontextdruck lässt sich in einem einfachen Modell denken: Jedes Teammitglied bringt eigene Themen mit, das Team entwickelt eigene soziale Muster, und beide stehen permanent im Austausch mit dem, was von außen auf das Team einwirkt. Wird dieses Zusammenspiel reflektiert, kann ein Team seine Handlungsspielräume und Entscheidungsspielräume klarer erkennen und aktiv gestalten, statt nur auf äußere Anforderungen zu reagieren.

Die Ziele auf einen Blick

Aus den beschriebenen Bedingungen, Themen und Hypothesen ergeben sich fünf konkrete Ziele für den Workshop.

•       Gemeinsame Diagnose und Transparenz: Das Team entwickelt ein gemeinsames Bild der aktuellen Situation, insbesondere zu Verbundenheit, Rollen, Aufgaben und Kommunikationskultur. Soziometrische Verfahren helfen dabei, auch die Tiefenstruktur von Zugehörigkeit und Gesehenwerden sichtbar zu machen, nicht nur das, was sich an der Oberfläche zeigt.

•       Explizieren von Erwartungen und Normen: Implizite Erwartungen werden ausgesprochen, thematisch gebündelt, etwa zu Kommunikation, Unterstützung, Verlässlichkeit oder Wertschätzung, und so zur Grundlage gemeinsamer Teamregeln. Aus stillschweigenden Annahmen werden überprüfbare, gemeinsam verantwortete Vereinbarungen.

•       Entwicklung verbindlicher Teamregeln: Das Team erarbeitet wenige, klare und positiv formulierte Regeln mit konkreten Indikatoren, etwa der Frage „Woran merken wir das im Alltag?“, und einer klaren Mitverantwortung. Gemeinsam getroffene und als verbindlich erlebte Vereinbarungen erhöhen erfahrungsgemäß die Umsetzungsbereitschaft deutlich.

•       Stärkung individueller und kollektiver Ressourcen: Mit Hilfe von Ressourcendusche und Ressourcenbaum werden Stärken einzelner Mitarbeitender und gemeinsame Ressourcen des Teams sichtbar gemacht. Das setzt dem häufig erlebten Mangel, etwa „wir sind zu wenige“ oder „uns fehlt Zeit“, ein erlebbares Gegengewicht entgegen und stärkt Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit.

•       Transfer und Selbststeuerung: Am Ende stehen konkrete nächste Schritte und klare Verantwortlichkeiten, symbolisch festgehalten in einem Teamvertrag. Was ein Team selbst formuliert, sichtbar festgehalten und unterschrieben hat, hält es erfahrungsgemäß eher ein als eine von außen vorgegebene Regel.

Der Aufbau: Zwei Tage mit einem klaren Bogen

Teamentwicklung braucht Zeit: für das Ankommen, für eine ehrliche Bestandsaufnahme, für das Aushandeln neuer Vereinbarungen und für die Integration des Erlebten in den Alltag. Deshalb ist dieser Workshop bewusst auf zwei Tage angelegt, die sich grob am bekannten Dreischritt „Auftauen, Verändern, wieder einfrieren“ orientieren: Tag eins öffnet den Raum für eine gemeinsame Diagnose, Tag zwei vertieft die Arbeit und führt sie in tragfähige, alltagstaugliche Vereinbarungen über.

Tag 1: Ankommen und sehen, wo wir stehen

Der erste Tag beginnt mit einem offenen Ankommen: Musik, ein Stuhlkreis, Bildkarten, eine kurze Runde im Plenum zur Frage „So fühle ich mich heute als Teammitglied…“. Diese Form der Erwärmung fördert Aktivierung und Begegnung und erleichtert den Einstieg über ein eher symbolisches statt unmittelbar persönliches Erzählen.

Es folgt die Einführung in Ziele, Ablauf und Spielregeln. Gemeinsam werden Vereinbarungen getroffen, zu Vertraulichkeit, Gesprächsregeln, dem Umgang mit Konflikten und auch dazu, in welchen Phasen die Leitung dabei ist und wie dokumentiert wird. Besonders wichtig ist hier die sogenannte Stopp-Regel: Jede:r kann jederzeit „Stopp“ sagen, wenn etwas zu schnell, zu persönlich oder zu konflikthaft wird. Dann wird kurz unterbrochen, geatmet, in einer kleinen Runde geklärt, worum es eigentlich geht und was gebraucht wird, um weiterzuarbeiten, oder das Thema wird mit einem Transferauftrag vertagt, wenn es im Rahmen des Workshops nicht sinnvoll bearbeitet werden kann. So bleibt das Team handlungsfähig, ohne schwierige Themen unter den Tisch fallen zu lassen. In Rückmeldungen von Teams erlebe ich diesen klaren Einstieg häufig als entlastend, weil früh deutlich wird, wohin die Reise gehen soll.

Den Vormittag bestimmt dann die ausführliche Soziometrie: Das Team stellt sich im Raum auf, etwa zu Fragen wie der Dauer der Zugehörigkeit zum Team, dem Erleben von Verbundenheit, der Klarheit der eigenen Aufgaben oder dem Gefühl, gesehen und verstanden zu werden. So werden Zugehörigkeit, Verbundenheit und Aufgabenklarheit räumlich erfahrbar, statt nur diskutiert zu werden. In der anschließenden Reflexion, zunächst in Kleingruppen, dann im Plenum, können auch heikle Wahrnehmungen erst geschützt formuliert und danach zu einem gemeinsamen Bild gebündelt werden.

Nach der Mittagspause folgt die Erwartungsklärung: „Was brauche ich vom Team, was kann das Team von mir erwarten?“ Hier setzt die Methode bewusst bei genau jenen Normen und Rollenprozessen an, in denen unterschiedliche, unausgesprochene Erwartungen das Teamklima prägen. Die Abfolge Einzelarbeit, Dreiergruppe, Plenum sorgt dafür, dass zunächst individuelle Stimmen gesammelt werden, bevor die Gruppenebene strukturiert wird. So kommen auch ruhigere Teammitglieder zu Wort, die sich im großen Plenum vielleicht noch nicht trauen würden, das Wort zu ergreifen. Aus den gesammelten Karten entstehen vier bis sechs Hauptcluster, etwa Kommunikation, Unterstützung, Verlässlichkeit, Wertschätzung oder Rollen und Struktur, und daraus erste Regel-Rohlinge, die später am zweiten Tag verbindlich werden. Diese Vorarbeit ist entscheidend: In vielen Teams entstehen zunächst lange Wunschlisten, und genau das Clustern hilft, sich auf die für den Alltag wirklich wesentlichen Punkte zu konzentrieren und eine Überregulierung mit zu vielen Einzelregeln zu vermeiden.

Der Tag schließt mit einer kleinen Soziometrie zur Zuversicht bezüglich der Regelumsetzung, einer Möglichkeit, sichtbar zu machen, wie realistisch und tragfähig die bisherigen Ergebnisse aus Sicht des Teams sind, und gleichzeitig einem inhaltlichen Anknüpfungspunkt für die Arbeit am zweiten Tag. Ein abschließendes Blitzlicht im Stuhlkreis gibt allen die Gelegenheit, den Tag emotional und gedanklich abzurunden, mit Fragen wie „Etwas, das ich heute neu über unser Team verstanden habe“ oder „Ein Wunsch oder eine Hoffnung für morgen“. Häufig nutzen Teams genau diesen Moment, um Wertschätzung auszusprechen oder offene Punkte zu benennen, die sie am zweiten Tag wieder aufgreifen möchten.

Tag 2: Vertiefen, vereinbaren, mitnehmen

Der zweite Tag beginnt mit einer kleinen Soziometrie, die zugleich als Rückblick und als Wiederanwärmung dient. Sie soll das Teamgedächtnis reaktivieren, ohne die Gruppe nach der Pause erneut bei null starten zu lassen. Ein kurzer Rückblick auf das Soziometrie-Bild, die Erwartungscluster und die Regel-Rohlinge vom Vortag hilft, wieder in die am ersten Tag entstandene Gruppenatmosphäre und in den Arbeitsmodus hineinzufinden.

Im Anschluss steht die Rollenklärung im Mittelpunkt: „Wer bin ich im Team?“ Jede:r arbeitet zunächst einzeln an einem Rollenprofil mit Hauptaufgaben, Selbstbild, Fremdbild und Entwicklungswünschen, tauscht sich danach in Dreiergruppen aus und sammelt im Plenum zentrale Rollentypen. Rollenkonflikte, unklare Rollenerwartungen und Rollenüberlastung gelten als typische Belastungsquellen in Teams; ein klares Rollenprofil hilft, individuelle und kollektive Rollenmuster sichtbar und bearbeitbar zu machen. Im Abgleich von Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung lassen sich Missverständnisse oft direkt auflösen. Bei dem hier beschriebenen Team ist mir besonders wichtig, neue Mitarbeitende in ihren Rollen zu stärken und gleichzeitig die Erwartungen der langjährigen Kolleginnen transparent zu machen.

Danach wird aus den Regel-Rohlingen vom Vortag konkrete, verbindliche Arbeit: In Arbeitsgruppen zu einzelnen Regelbereichen werden Regeln mit Indikatoren und klarer Mitverantwortung formuliert. Im Plenum einigt sich das Team, häufig per Handzeichen, auf drei bis fünf Kernregeln. Diese bewusste Beschränkung auf wenige, aber tragfähige Regeln erhöht die Verbindlichkeit und senkt das Risiko, sich mit zu vielen Vorsätzen zu überfordern. Erfahrungsgemäß steigt die Chance auf tatsächliche Umsetzung deutlich, wenn ein Team wenige, aber wirklich passende Regeln wählt, die als eigene Regeln erlebt werden und nicht als von außen verordnete Vorgaben.

Nach der Mittagspause folgt die Ressourcendusche: In Dreiergruppen geben sich die Teammitglieder wechselseitig wertschätzende Rückmeldung zu ihren Stärken und Beiträgen. Das stärkt Selbstbewusstsein, Bewältigungskompetenz und Arbeitszufriedenheit und erzeugt häufig ein spürbares Aufatmen im Team, weil auch kleine, alltägliche Beiträge sichtbar und anerkannt werden.

Im Anschluss entsteht der Ressourcenbaum: Auf großem Papier wachsen gemeinsam Wurzeln (tragende Erfahrungen, Werte, Strukturen), ein Stamm (gemeinsame Identität), Äste (Entwicklungsziele), Früchte (bereits Erreichtes) und Blätter (individuelle Stärken). Dieses Bild spiegelt das Zusammenspiel von individueller Dynamik, sozialen Dynamiken und Kontextdruck noch einmal auf eine andere, sehr anschauliche Weise. Der gemeinsame Rundgang und das Sharing am Baum ermöglichen eine emotionale Integration und stärken die Kohäsion der Teamidentität; oft entsteht ein sehr lebendiges Bild, auf das ein Team stolz ist und das auch nach dem Workshop, etwa im Teamraum, sichtbar bleiben kann.

Zum Abschluss steht der Transferblock: Statt bei der bloßen Einsicht stehen zu bleiben, werden konkrete Umsetzungsschritte mit Zuständigkeiten und Zeitbezug definiert, orientiert an einem einfachen Kreislauf aus Reflexion, Entscheidung und Handlung. Die symbolische Unterzeichnung des Teamvertrags setzt psychologische Mechanismen öffentlicher Verpflichtung in Gang, die die Entwicklung von Teamidentität und Wir-Gefühl fördern können, und markiert zugleich einen Übergang im Gruppenprozess: eine neue, gemeinsam vereinbarte Etappe der Normbildung. Die Abschlussrunde mit Blitzlicht, mit Fragen wie „Was nehme ich mit?“, „Was lasse ich hier?“ und „Was möchte ich noch sagen?“, ermöglicht eine individuelle Bilanzierung, die Würdigung des gemeinsamen Prozesses und eine bewusste emotionale Abrundung beider Tage.

Werkzeuge im Detail: Was hinter den Begriffen steckt

Manche der Begriffe aus dem Ablauf wirken zunächst technisch. Im Workshop selbst sind es einfache, sehr menschliche Momente des Sichtbarmachens.

Soziometrie: Beziehungen im Raum sichtbar machen

Das Team stellt sich entlang gedachter Linien oder an markierten Punkten im Raum auf, etwa zur Frage, wie verbunden sich jede:r gerade fühlt, oder wie klar die eigenen Aufgaben sind. Ohne ein Wort zu sagen, wird sichtbar, wer sich zugehörig fühlt und wer eher am Rand steht. Diese räumliche Methode kann gerade stillere Teammitglieder nonverbal sichtbar machen, etwas, das in einer normalen Wortrunde oft untergeht.

Die Stopp-Regel: ein Sicherheitsnetz für den ganzen Prozess

Damit der Workshop ein Raum bleibt, in dem auch heikle Themen Platz haben, ohne das Team zu überfordern, kann jede:r jederzeit „Stopp“ sagen. Es folgt eine kurze Pause, eine geschützte Klärung in der Kleingruppe oder eine Moderationsintervention im Plenum; im Zweifel wird ein Thema bewusst vertagt, statt es unter Zeitdruck zu Ende zu diskutieren.

Erwartungsklärung und Clusterung: vom Bauchgefühl zur gemeinsamen Sprache

Was Mitarbeitende sich voneinander wünschen, wird zunächst einzeln, dann in kleinen Gruppen und erst zuletzt im Plenum gesammelt. So kommen auch leisere Stimmen zu Wort, bevor aus vielen Einzelpunkten wenige, gemeinsame Themen werden, die Grundlage für später verbindliche Regeln.

Rollenklärung: wer bin ich in diesem Team?

Jede:r beschreibt die eigene Rolle, das Selbstbild und das vermutete Fremdbild. Im Austausch zu dritt zeigt sich oft: Die eigene Rolle wird anders erlebt, als sie bei anderen ankommt, und genau das lässt sich klären, statt es weiter zu vermuten.

Ressourcendusche und Ressourcenbaum: Stärken, die man fast vergessen hatte

Bei der Ressourcendusche bekommt jede:r wertschätzende Rückmeldung zu den eigenen Stärken. Im Anschluss entsteht ein gemeinsamer Ressourcenbaum mit Wurzeln, Stamm, Ästen, Früchten und Blättern, ein Bild, das oft länger im Teamraum hängen bleibt als der Workshop selbst dauert.

Teamvertrag: eine Unterschrift, die etwas bewirkt

Die gemeinsam erarbeiteten Regeln werden am Ende symbolisch von allen unterschrieben. Was man selbst formuliert und unterschrieben hat, hält man erfahrungsgemäß eher ein als eine von außen vorgegebene Regel.

Wofür es gut ist

•       Verbundenheit stärken: das Wir-Gefühl im Team wird wieder spürbar, auch über räumliche Trennung und Personalwechsel hinweg.

•       Kommunikation verbessern: aus stillschweigenden Erwartungen werden klare, besprechbare Vereinbarungen.

•       Rollen und Aufgaben klären: wer wofür zuständig ist, muss im Alltag nicht mehr vermutet werden.

•       Alltagstaugliche Regeln entwickeln: wenige, aber verbindliche Regeln statt vieler vager Vorsätze.

•       Ressourcen sichtbar machen: Stärken, die im Tagesgeschäft leicht untergehen, werden wieder nutzbar.

•       Selbststeuerung fördern: das Team lernt, eigene Muster zu reflektieren, statt nur auf äußeren Druck zu reagieren.

Häufige Fragen

Braucht ein Team einen solchen Workshop nur, wenn etwas „kaputt“ ist?

Nein. Gerade Teams im Übergang, etwa nach Fluktuation, Umstrukturierung oder räumlichen Veränderungen wie im beschriebenen Kita-Beispiel, profitieren davon, bevor sich ungünstige Muster festsetzen.

Muss die Leitung die ganze Zeit dabei sein?

Die Leitung nimmt teil, um den Prozess zu stützen und die Anschlussfähigkeit an den Alltag zu sichern. Es werden aber bewusst Phasen vereinbart, in denen das Team ohne Leitung arbeitet, damit Themen offen angesprochen werden können.

Was passiert mit dem, was im Workshop besprochen wird?

Vertraulichkeit wird zu Beginn vereinbart. Nach außen getragen und dokumentiert werden ausschließlich Ergebnisse auf Teamebene, nie einzelne Aussagen oder persönliche Beispiele.

Reicht nicht auch ein Tag?

Ein Tag reicht selten, um sowohl eine ehrliche Bestandsaufnahme als auch tragfähige, verbindliche Vereinbarungen zu erarbeiten. Die zwei Tage geben dem Prozess Raum, sich zu setzen, statt ihn zu überstürzen: Diagnose am ersten, Vertiefung und Integration am zweiten Tag.

Was, wenn im Workshop Konflikte offen ausbrechen?

Dafür gibt es die Stopp-Regel: Jede:r kann jederzeit unterbrechen. Themen werden dann geschützt in Kleingruppen geklärt, im Plenum moderiert eingeordnet oder bewusst mit einem Transferauftrag vertagt, statt sie unter Zeitdruck zu Ende zu diskutieren.

Was passiert nach dem Workshop?

Ein fester, kurzer Regel-Check von zehn Minuten alle zwei Wochen hält das Erarbeitete präsent, ohne die Teamsitzung zu überfrachten. So bleibt Teamentwicklung kein einmaliges Ereignis, sondern wird Teil der Selbststeuerung des Teams.

Eignet sich das Format auch für andere Teams außerhalb von Kitas?

Ja. Die Methoden, Soziometrie, Erwartungsklärung, Rollenklärung, Ressourcenarbeit, lassen sich auf jedes Team übertragen, das mit Rollenunklarheit, hoher Fluktuation oder äußerem Druck zu tun hat. Der konkrete Ablauf wird jeweils an die Situation und die Ziele des jeweiligen Teams angepasst.

Abschluss

Neugierig, wie das für dein Team aussehen könnte?

In einem kostenlosen Erstgespräch klären wir gemeinsam mit der Leitung, wo dein Team gerade steht und welcher Aufbau zu deinem Anliegen passt.

Fußnote: Methodisch verbindet der Workshop Soziometrie und Gruppendynamik mit psychodramatischen Elementen nach J. L. Moreno und wird ergänzt durch systemische Ansätze der Teamberatung.

Hast du Frage?

Lass uns reden.

Hast du Frage?
Lass uns reden.

Hast du Frage?
Lass uns reden.